Feierabend in der Wirtschaft

Den Feierabend zelebrieren im Gasthaus

 

Was für ein beschissener Tag das heute war! Schon die Fahrt in dieses ungeliebte Büro war der pure Stress, lauter Idioten auf der Straße, die Scheiben beschlagen und verschmiert vom morgendlichen Frostkratzen. Dann die tägliche Parkplatzsuche in der lärmenden Innenstadt, im Aufzug glotzen sie dich an, wortlos, hirnlos in ihren geistigen Hamsterrädchen, die fade gemusterten Krawatten als Kompetenzverstärker fest um den steifen Hemdkragen gezurrt, damit bloß keine Menschlichkeit oder Individualität nach außen dringt. Der Chef – na ja, ein „Vorgesetzter“ eben, mit hohlem Blick, Paragrafen oder Euro-Zeichen in den toten Augen, murmelte wieder wirres Zeug wie „Leistungsverdichtung“ oder „Arbeitsentgeld-Ausgleichs-Förderungsabzug“ – lauter leere Formulierungen mit dem Anspruch, wichtig zu klingen und die Menschen in ihren Rädchen zu erschrecken oder wenigstens zu verblüffen, Wortphrasen, die er wahrscheinlich selbst nicht begreift. Egal, weiterstrampeln und wegducken nach der viel zu kurzen Mittagspause und dem ungesund hastigen Hinunterschlingen von aufgewärmtem Einheitsfraß in der tristen Kantine. „Convenience Food“ nennt man das heute, also „bequemes Essen“ – Nahrungsmittel vielleicht, aber eben keine „Lebens-Mittel“, weil man die Vitalstoffe ultrahocherhitzt und schockgefrostet hat, um sie in Plastikfolie und Aluminium„haltbar“ zu machen, leicht lieferbar im Futter-Transporter und schnell aufzubereiten im Dampf oder gar in der Mikrowelle. Hauptsache, die wuselnden Büro-Ameisen werden satt und schmecken die chemischen Zusätze nicht. Gesunde, ausgewogene Ernährung wäre ja auch nicht notwendig in einem grauen Stahlbetonkomplex voller lebender Toter, die sich ihr relatives Wohlbefinden mit Tabletten aufzupeppen versuchen und die Kleidung aus Chemiefasern, von Kindern in Drittländern zusammengenäht, eben der wachsenden Körperfülle anpassen. Rote Backen macht man mit chemischem Rouge oder im Solarium, für Wanderungen in frischer Luft bleibt einfach zu wenig Zeit.

 

Du fragst dich dann und wann nach dem Sinn deines Tuns und dir fällt nicht wirklich eine glaubhafte Antwort ein. Also fährst du nach Feierabend – wo du den Abend "feiern" darfst - erst mal heim, rufst unterwegs deine Frau an, sie soll sich was Nettes anziehen, weil wir heute nett Essen gehen wollen in dem netten Lokal, wo wir neulich schon waren, wo die Wirtsleute so nett waren und das Essen so lecker.

Und schon beim Eintreten in die gemütliche Gaststube stellst du erleichtert fest, dass der ganze Ballast, der Druck und der Dreck des Tages, der so schwer in deinem steifen Anzug hing, an dir herunter läuft, dass sich dein Genick zunehmend entspannt und du sogar plötzlich und ohne besonderen Grund lächeln kannst. Dabei war dir nicht mal bei dem Kollegenwitz in der Kantine auch nur ein leichtes Schmunzeln möglich.

Das Leben kann so einfach und  schön und dabei gar nicht teuer sein. Hier in der Wirtschaft zum Beispiel – nicht in der Weltwirtschaft, sondern im Wirtshaus, wo lebende Menschen sich zusammenfinden nach ihren berufsbedingten „Lebens-Sperrzeiten“. Am Wirtshaustisch, womöglich sogar am Stammtisch mit Freunden, da kehrt das Leben wieder zurück, da hat man sich was zu erzählen. Und da bedarf es keiner nachgeplapperter Witze, da genügt der „tägliche Wahnsinn“, den das Leben für jeden von uns bereithält. Da tauscht man auch Neuigkeiten aus, zeigt Mitgefühl mit lieben Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, kann aber auch über ein banales Missgeschick brüllen vor Lachen – was ja im Büro ebenfalls nicht möglich oder zumindest nicht angebracht ist.

 

Der gemütliche Wirt kommt aus der köstlich duftenden Küche, weil seine stets lächelnde Frau mit dem Getränkausschank kaum nachkommt und er das Einschenken von Weizenbier einfach besser drauf hat. Dann bringt er das Essen, dessen bloßer Anblick sekündlich alle Speicheldrüsen alarmiert. Natürlich frisch zubereitet aus frischen Zutaten, die tagsüber bei den örtlichen Bauern oder Metzgern oder frühmorgens auf dem Markt eingekauft wurde. Sprich: diese Lebensmittel tragen noch das Leben in sich, die ganze Fülle all jener Stoffe, die für das gesunde Leben wichtig sind. Homogenisierte "Lebens-Mittel" gibt es eigentlich gar nicht, es sind dann nur noch Füllstoffe, Sattmacher oder eben höchstens „Überlebens-Mittel“.

Doch nicht nur deshalb wirkt das Essen hier in der Wirtschaft so wohltuend, es ist auch das Flair, die Atmosphäre und die Gemeinschaft. Essen in der Wirtschaft ist weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme zur Sättigung, Essen und Trinken ist ein soziales, ein gesellschaftliches Ereignis. Es ist bekannt, dass sich alleinstehende Personen allein deshalb oft unzureichend ernähren, weil ihnen die Gesellschaft Gleichgesinnter fehlt. Bekannt ist auch, dass sich gemeinsames Essen wohltuend auswirkt, und zwar auf Körper, Geist und Seele.

Ein gemütlicher Abend in der Wirtschaft kann also generell aus förderlich für das Allgemeinbefinden bezeichnet werden. Und wenn das Wetter draußen ungemütlich ist, wird’s drinnen umso gemütlicher, wenn der Wirt womöglich sogar noch den Kachelofen am Stammtisch anheizt. Dann kann es nur ein Problem geben: Man will gar nicht mehr heim in der Nacht. Fremde haben's da gut im Ehinger Ochsen, die gehen eine Treppe höher ind Bett. Für Einheimische gibt's den Trost: Die Wirtsleut’ werden morgen Abend wieder das sein und Köstliches aus der Küche tragen. Und bekannte Gesichter werden sich wieder einfinden, man wird sich austauschen und zusammen Spaß haben in der Gemeinschaft im Wirtshaus am Ort, wo man schon immer zussammengekommen ist, um die ganz realen, die echten, wirklich wichtigen sozialen Netzwerke auszubauen und zu pflegen.

 


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